Erdmännchen
 Löwe
Fuchsmanguste

 

Diplomarbeit

 

Thema:
Das Thema meiner Diplomarbeit lautete: "Inter- und intraspezifische Unterschiede im Wachsamkeitsverhalten afrikanischer Schleichkatzen". Das klingt zunächst erschreckend kompliziert, ist bei näherer Betrachtung aber unheimlich interessant. Bei den Schleichkatzen handelte es sich um
 
Erdmännchen 
(Suricata suricatta
Fuchsmangusten 
(Cynictis penicillata)

Diese beiden Arten ernähren sich vorwiegend von Insekten, die sie aus dem sandigen Boden scharren und leben in selbstgegrabenen Erdbauten. Sie sind im südlichen Afrika verbreitet und teilen dort oft gemeinsam ein Gangsystem. Auch im Zoo Schwerin, in dem ich meine Beobachtungen machte, leben sie zusammen. Besonders spannend ist jedoch das Zusammenleben mit den
 

Löwen 
(Panthera leo)

 

 

des Zoos Schwerin, deren Außenanlage die Schleichkatzen nach Belieben aufsuchen können. 

Hintergrund:
Inzwischen ist man in Zoologischen Gärten immer stärker nicht nur um die rein physische Gesundheit von Zootieren besorgt. Man kümmert sich auch um das psychische Wohlergehen der Tiere. Dazu haben fast alle Zoologischen Gärten entsprechende Beschäftigungsmaßnahmen entwickelt, um die Tiere mit möglichst vielseitigen Umweltreizen zu versorgen und sie zur Aktivität anzuregen (Holst, 1994; Meister, 1996). Dies ist nötig, da unter Zoobedingungen viele natürliche Aktivitäten entfallen. Das Futter wird frei Haus geliefert, sodass für die Nahrungssuche keine weiten Strecken zurückgelegt werden müssen. Im Zoo sind die Tiere in der Regel vor Fressfeinden geschützt und können es sich daher leisten, unaufmerksamer zu sein. 

Erhaltungszucht:
Zoos werden in Zukunft Orte sein, die Tierarten über einige hundert Jahre hinweg als Art zu erhalten suchen, um sie hoffentlich irgendwann in ihre Lebensräume zurückzubringen, wenn die Zahl der Menschen auf ein für die Tierwelt erträgliches Maß zurückgegangen ist. Tudge (1993) nennt überzeugend Gründe, warum wir Tierarten überhaupt erhalten wollen und welche Rolle dabei die Erhaltungszucht in den Zoos spielen kann. Zusammenfassend kann man dazu sagen, dass der alleinige Schutz der Lebensräume bedrohter Tiere nicht ausreichend ist. Insbesondere größere Landwirbeltiere sind von Kriegen bedroht, wandern eventuell aus ihrem Schutzgebiet heraus oder fallen Populationsschwankungen zum Opfer. Der Mensch beansprucht durch seine enorme Anzahl (6.123.870.124 Menschen weltweit, Stand 23.1.2001, Quelle: International Programs Center, U.S. Bureau of the Census, http://www.census.gov/) inzwischen so viel Lebensraum, dass für größere Tiere kein Platz mehr bleibt. Selbst wenn das enorme Bevölkerungswachstum jetzt nachließe, würde es lange dauern bis die Zahl der Menschen so weit zurückgeht, dass alle Tiere aus der Erhaltungszucht der Zoos wieder in passende Lebensräume entlassen werden könnten. Daher ist die Erhaltungszucht in Zoos als Zusatzmaßnahme zum Schutz der Lebensräume der bisher beste Plan, so viele Tierarten wie möglich vor dem sicheren Aussterben zu bewahren. Ob diese Idee wirklich Erfolg hat, wird die Zukunft zeigen, aber schon jetzt kann die Zucht in Zoos Wildtierpopulationen stützen (Tudge, 1993).

Vergesellschaftung:
Für die Erhaltungszucht ist es besonders wichtig, dass natürliches Verhalten nicht verloren geht. 
Beschäftigungsprogramme, die von Menschen durchgeführt werden, sind teuer und daher nur zeitlich begrenzt durchführbar. Vergesellschaftungen von verschiedenen Tierarten können der sonstigen Reizarmut entgegenwirken, ohne dass dazu Personal nötig ist. Bei vielen Tierarten werden solche Vergesellschaftungen schon lange praktiziert, z.B. bei afrikanischen Huftieren. Mit großen Raubtieren ist es schon schwieriger, schließlich möchte man keine Verluste unter den Tieren, die man mit den Raubtieren vergesellschaftet.

Erdmännchen und Fuchsmangusten:
Die in dieser Arbeit untersuchten Erdmännchen und Fuchsmangusten passen als relativ kleine Säugetiere in das Beuteschema vieler Raubtiere, insbesondere großer Raubvögel (Doolan und Macdonald, 1997a). Damit sie bei der Nahrungssuche nicht überrascht werden, richten sie sich von Zeit zu Zeit auf die Hinterbeine auf und können so ihre Umgebung besser überblicken. 
Erdmännchen leben in großen Gruppen und man hat bei ihnen, ähnlich wie bei den Zwergmangusten (Rasa, 1986, 1989), ein koordiniertes Wachsamkeitsverhalten festgestellt. Dabei erklimmt ein Tier eine erhöhte Position und dient als Wachtposten, während alle anderen Gruppenmitglieder sich der Nahrungssuche widmen können. Bei Gefahr werden sie durch einen Warnruf alarmiert und können rechtzeitig in ihre Erdbaue fliehen (Clutton-Brock et al., 1999b; Moran, 1984). 
Fuchsmangusten leben in kleinen Gruppen und gehen einzeln auf die Jagd (Lynch, 1980). Aber auch sie stellen sich regelmäßig auf die Hinterbeine und halten nach Gefahr Ausschau. Schließlich entscheidet das rechtzeitige Entdecken eines Feindes oft über Leben und Tod.

Zoo Schwerin:
Im Zoo Schwerin werden Erdmännchen und Fuchsmangusten mit den Löwen vergesellschaftet. Dabei wird versucht, den Schleichkatzen möglichst optimale Fluchtmöglichkeiten zu bieten. Im Löwengehege wurden unterirdisch zahlreiche Röhren verlegt. Über 28 Eingänge können die Schleichkatzen so Zuflucht in den Röhren suchen, welche untereinander und mit dem Schleichkatzeninnengehege verbunden sind.


Dies ist ein Grundriß des Geheges, die Röhren sind hellgrau, die Eingänge rot eingezeichnet.

Unter diesen Bedingungen ist von den Schleichkatzen dieselbe Wachsamkeit und Vorsicht gefordert, wie in der südafrikanischen Savanne. Gleichzeitig stellt die Situation eine ständige Herausforderung für alle beteiligten Tiere dar, die im Sinne des environmental enrichment (Lebensraumbereicherung) in Zoos wünschenswert ist. 

Ziel der Arbeit:
Diese Arbeit sollte untersuchen, ob und auf welche Weise die Schleichkatzen ihr Verhalten an die Anwesenheit eines Raubtieres anpassen. Besonderes Interesse kommt dabei den individuellen und den zwischenartlichen (interspezifischen) Unterschieden zu. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Unterschieden im Wachsamkeitsverhalten der beiden Arten, da ihre Lebensweise sich doch in einigen Punkten unterscheidet; so zum Beispiel in der Nahrungspräferenz und der Gruppengröße. 
 

Methode:
Es konnten Daten für die Nutzung der Fluchtröhren in Abhängigkeit zur Anwesenheit der Löwen und Beobachtungen zu Interaktionen mit den Löwen mittels ad-libitum-Beobachtung gewonnen werden. 
Die relative Dauer und die Frequenz einzelner Elemente des Wachsamkeitsverhaltens wurden mittels eines kombinierten Scan- und Fokusprotokolls ermittelt. Die räumliche Nutzung des Geheges und die Distanzen der einzelnen Tiere zu ihren Artgenossen und zu den Röhren wurde mit Hilfe eines Grundrissplans des Geheges und des Scanprotokolls untersucht.
 
 
Die Löwen bemerken das Erdmännchen noch nicht... und auch hier ist höchste Vorsicht angebracht.
Die Schleichkatzen müssen schnell zum nächsten Loch flüchten, sobald sie entdeckt werden. 

Ergebnisse:
Die Schleichkatzen verhielten sich bei Anwesenheit der Löwen deutlich anders, indem sie andere Fluchtröhren nutzten und insgesamt weniger im Löwengehege zu sehen waren. Dafür verlegten sie ihre Aktivität auf der Löwenanlage immer stärker auf Zeiten, in denen die Löwen nicht auf der Anlage waren. Es konnten nur wenig intraspezifische Unterschiede bezüglich des Wachsamkeitsverhaltens bei den Fuchsmangusten gefunden werden. Dagegen verbrachte das männliche Erdmännchen signifikant mehr Zeit mit Wachsamkeitsverhalten als das Weibchen.
Die Erdmännchen wachten insgesamt länger als die Fuchsmangusten. Außerdem hielten Erdmännchen signifikant geringere Abstände zum nächsten Artgenossen und zur nächsten Fluchtröhre ein als Fuchsmangusten. Die räumliche Nutzung des Geheges variierte ebenfalls. Die gefundenen interspezifischen Unterschiede werden mit morphologischen und ökologischen Unterschieden zwischen den beiden Arten in Zusammenhang gebracht.

Außerdem wurden Pläne für den Umbau der Löwenanlage und des Innengeheges der Schleichkatzen erarbeitet, umgesetzt und die Ergebnisse diskutiert. Durch Beobachtungen mit einer Infrarotkamera im Innern der Wurfbox konnten Erkenntnisse über die fehlende Nachzucht der Erdmännchen gewonnen und Konsequenzen für die Haltungsbedingungen abgeleitet werden, die auch für Vergesellschaftungen in anderen Zoos bedeutsam sind.
Die Arbeit enthält ein ausführliches Ethogramm für beide Arten, das für weitere Arbeiten hilfreich sein könnte.
 
 

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